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Die Entwicklung von Clausewitz' Vom Kriege

Eine Rekonstruktion auf der Grundlage der
früheren Fassungen seines Meisterwerks


Drs. Paul Donker

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This article was first published in Der Panzergrenadier, 21. Jahrgang, Vol. 41, Issue 1/2017, pp.69-79, then reprinted in Jahrbuch 2017 of the Clausewitz-Gesellschaft e.V., pp.14-39. It was posted to The Clausewitz Homepage, with the permission of the author and the editors of the Jahrbuch der Clausewitz-Gesellschaft e.V., on 1 July 2019. A more formally formatted PDF of the article, provided here, is the best choice for printing or emailing.

About the author: Paul Donker studied philosophy at the University of Amsterdam. He served as an infantry officer in the Royal Netherlands Army and is currently a lecturer in military strategy at the Netherlands Defense Academy. He is working on a doctoral dissertation on the genesis of Clausewitz's classic work, Vom Kriege (On War).

Essay Structure

Clausewitz' Nachlass, eine besondere Geschichte
Der Aufbau von Vom Kriege
Die Rekonstruktion der Entstehung von Vom Kriege
Die erste Fassung von Vom Kriege
Die zweite Fassung
Die dritte Fassung
Die Überarbeitung
Die Druckfassung von 1832 – 1834
Schlussfolgerungen
Zum Abschluss
Anmerkungen

Obwohl Vom Kriege eines der bedeutendsten Werke auf dem Gebiet der Kriegswissenschaften ist, ist kaum bekannt, wie Clausewitz es geschrieben hat. Seitdem dieses Werk 1832 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, ist es aus allen möglichen Blickwinkeln untersucht worden, aber wie es entstanden ist, war bisher merkwürdigerweise eine unterbelichtete Frage. Einige vor kurzem gemachte Entdeckungen ermöglichen es jetzt jedoch, die Genese von Vom Kriege ziemlich genau zu rekonstruieren, und dadurch können zahlreiche Interpretationsprobleme dieses Werkes gelöst werden.1

In diesem Artikel werden der Schreib- sowie der Veröffentlichungsprozess sowohl anhand von früheren Fassungen wie auch von Äußerungen Clausewitz´ und seiner Frau in Briefen, Vorworten und losen Notizen rekonstruiert. Zunächst wird die eigentümliche Geschichte seines geistigen Nachlasses ab 1832 dargestellt. Hieraus ergibt sich, dass die Forschung nach der Genese durch verschiedene Ursachen immer ernsthaft behindert wurde. Danach wird der Aufbau von Vom Kriege, so wie das Werk 1832 tatsächlich veröffentlicht wurde, kurz erörtert. Anschließend werden Clausewitz´ Schreibprozess und die Veröffentlichung durch Marie von Clausewitz rekonstruiert und erläutert. Abschließend werden hieraus mehrere wichtige Folgerungen gezogen.

Clausewitz' Nachlass, eine besondere Geschichte

Normalerweise durchläuft ein Autor einen langwierigen Prozess der Konzeption, des Schreibens, des Umschreibens und schließlich auch der Veröffentlichung eines Werkes. Wenn das der Fall gewesen ist, können wir als Leser davon ausgehen, dass die gedruckte Fassung eines Werkes die Anschauungen des Autors auf angemessene Weise wiedergibt. Wirklich widersprüchliche Auslegungen wird es dann auch nicht schnell geben. Autor und Buch stimmen miteinander überein.

Bei Clausewitz und sein Vom Kriege ist dies jedoch nicht der Fall. Jeder Leser liest dieses Buch anscheinend anders, interpretiert es anders. Dies hat zwei unterschiedliche Gründe, die einander verstärken. Erstens war der Text unvollendet, als Clausewitz aufhörte zu schreiben, und zweitens hat seine Frau bei der Veröffentlichung verschiedene Modifikationen vorgenommen. Der endgültige Text ist dadurch nicht völlig konsistent, und das lässt natürlich viel Raum für große Interpretationsunterschiede.2

Gerade in derartigen Fällen würden wir gern die ursprüngliche Handschrift heranziehen, um festzustellen, welches die Anschauungen waren, die Clausewitz zuletzt hatte. Jedoch ist der größte Teil seines Nachlasses am Ende des Zweiten Weltkriegs leider verloren gegangen. Trotzdem wurde seit 1832 nach Vom Kriege geforscht, und einige bedeutende Handschriften sind nach dem Krieg glücklicherweise wieder aufgetaucht. Eine gründliche Untersuchung dieser Texte ist nicht nur aus einem historischen Blickwinkel interessant, sondern wird voraussichtlich auch für die heutige Interpretation von Vom Kriege große Folgen haben.3

Clausewitz selbst hat zeitlebens nur sehr wenig veröffentlicht. Es sind lediglich fünf derartige Texte bekannt, und die wurden damals alle anonym in Zeitschriften und Zeitungen abgedruckt.4 Nach seinem Tode im November 1831 beginnt seine Witwe sofort die Herausgabe seiner Werke. Die bekanntesten von diesen sind natürlich die zehnteiligen Hinterlassenen Werke des Generals Carl von Clausewitz über Krieg und Kriegführung. Hiervon sind die ersten drei Teileunter dem Titel Vom Kriege berühmt geworden.

Darüber hinaus veranlasst Marie von Clausewitz den berühmten Historiker Leopold von Ranke, 1832 einen Artikel ihres Mannes über Scharnhorst in seine Zeitschrift aufzunehmen. Der Titel lautet: Über das Leben und den Charakter von Scharnhorst.5 Bis vor kurzem wurde immer angenommen, von Ranke habe diese Veröffentlichung ausschließlich selbst bewirkt, aber kürzlich hat sich herausgestellt, dass Clausewitz´ Witwe die Initiative dazu ergriffen hat.6

Da Marie von Clausewitz demnach den Anstoß zu diesen beiden Veröffentlichungen gegeben hat, ist es auch anzunehmen, dass sie auch für einen dritten Text, der unmittelbar nach Clausewitz´ Tode unter dem Titel Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung (Aus den hinterlassenen Schriften des Generals Carl von Clausewitz über Krieg und Kriegführung) erschien, verantwortlich ist. Dieser Text, der starke inhaltliche Ähnlichkeiten mit Vom Kriege aufweist, wurde zwischen 1833 und 1835 in Teilen in einer damaligen militärischen Zeitschrift veröffentlicht, die von Freunden von Clausewitz herausgegeben wurde.7 Das und auch die große Übereinstimmung zwischen den Titeln des Hauptwerks und dieser Schrift bieten klare Hinweise dafür, dass seine Frau auch diesen dritten Text herausgegeben hat. Der Text gerät jedoch sofort in Vergessenheit, was meines Erachtens völlig ungerechtfertigt ist. Wie nachstehend noch eingehend dargelegt wird, sind die Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung so gut wie sicher die erste Fassung von Vom Kriege.8

Leider erkrankt Marie von Clausewitz während der Herausgabe von Clausewitz' Werken schwer und stirbt sie im Januar 1835. Ab diesem Zeitpunkt verbleibt der weitaus größte Teil seines schriftlichen Nachlasses im Besitz der Familie. Es ist wichtig, sich dieses Sachverhalts bewusst zu sein. Das Clausewitz-Archiv ist – mit einigen Ausnahmen – immer Familienbesitz geblieben. Daher wurde sein Nachlass niemals in eine offizielle Bibliothek oder ein Staatsarchiv aufgenommen und dadurch ist er auch niemals richtig erschlossen worden. Dies hatte bedeutende Folgen, denn dadurch fehlt uns eine gute Übersicht über den Inhalt seines Archivs.

Glücklicherweise ermöglichte die Familie verschiedenen deutschen Forschern, den Nachlass zu untersuchen, und durch ihre Bücher und Artikel sind Textteile für uns erhalten geblieben. Zwischen 1870 und 1945 erschienen mehrere Biographien und theoretische Studien voller Zitate, die direkt aus den Texten des Nachlasses stammen. Auf diese, mittelbare Art und Weise sind wichtige Briefe und Texte glücklicherweise immer noch verfügbar. Die Originalhandschriften sind größtenteils jedoch verloren gegangen, und manchmal würden wir eben diese gern zurate ziehen, um beispielsweise die verschiedenen Interpretationen mit den ursprünglichen Texten zu vergleichen oder die Datierung des Textes zu kontrollieren.

Einer der Forscher, die Zugang zum Nachlass hatten, ist Hans Rothfels (1891-1976). Er verfasste zwei wissenschaftliche Werke über Clausewitz, die von Bedeutung sind, weil Rothfels darin als Erster kurz auf die Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung verweist. In seinem 1920 veröffentlichten Buch Politik und Krieg erstellt er ein chronologisches Verzeichnis von Werken Clausewitz´, dem zufolge dieser Text eher verfasst wurde als Vom Kriege.9 Gerade weil Rothfels Zugang zum ganzen Nachlass hatte und demnach wahrscheinlich die Urfassung gesehen hat, ist dies eine wichtige Mitteilung. Rothfels ist jedoch in erster Linie an Clausewitz´ geistiger Entwicklung interessiert, bevor dieser Vom Kriege tatsächlich begann, und daher untersucht er dessen Entstehen weiter nicht.

Um 1935 befassen sich zwei andere Forscher jedoch ausdrücklich mit der Frage nach dem Entstehen von Vom Kriege. Es sind Herbert Rosinski (1903-1962) und Eberhart Kessel (1907-1986). Sie haben beide jedoch keinen Zugang zum Originalmaterial und müssen sich daher ganz auf die Druckfassung stützen. Trotzdem erkennen sie schon wichtige Entwicklungen im Text, und zweifelsohne hätten sie die Entstehungsgeschichte entsprechend rekonstruieren können, wenn sie einen Einblick in das Archiv gehabt hätten.10

Der letzte Forscher, der das Archiv leihweise im Besitz hatte, war Walter Malmsten Schering (1883-1954). Schering schreibt drei theoretische Werke und einige Artikel über Clausewitz, und auch er zitiert darin aus Material, das sich in dem Archiv befand. Leider hat er das jedoch nicht mit genügender Sorgfalt getan, und dadurch gerät die Forschung auf Abwege. Schering behauptet, er habe die erste Fassung von Vom Kriege gefunden und dass diese bereits zwischen 1809 und 1812 geschrieben worden sei.11 Aber das widerspricht den Angaben von Clausewitz und seiner Frau. Sie schreiben, dass die erste Fassung erst im Jahre 1816 in Koblenz zustande gekommen sei. Zum Glück ist die Handschrift, auf die Schering sich beruft, erhalten geblieben, und daher können wir diese einer näheren Untersuchung unterziehen.12 Natürlich komme ich darauf noch zurück, denn ich bin der Ansicht, dass diese Schrift nicht die erste, sondern eben die zweite Fassung von Vom Kriege ist.

Schering ist der Letzte, der das Archiv untersucht hat. Im Mai 1943 war das Archiv noch komplett. Es liegt ein grafologisches Gutachten vom 11. Mai 1943 eines gewissen Herrn oder einer gewissen Frau C. Braun-Runge vor, in dem bestätigt wird, dass die originalen Manuskripte von Vom Kriege alle von Clausewitz selbst stammen.13 Darüber hinaus gibt es ein kurzes auf den 2. März 1945 datiertes Schreiben von Schering an den Dekan der Universität Berlin, in dem er diesem mitteilt, dass er mehrere unersetzliche Manuskripte an einen sicheren Ort gebracht habe.14

Ab dem Zeitpunkt, März 1945, ist der Nachlass von Clausewitz unauffindbar. Nachfahren der Familie von Marie von Clausewitz haben gesagt, das Archiv sei zu Kriegsende wieder in den Besitz der Familie gelangt. Als die vorrückenden Russen das Familienhaus im Osten Deutschlands erreichten, haben sie das Archiv, zusammen mit anderen Kostbarkeiten, an einen anderen Ort gebracht, und dabei soll es geplündert worden sein. Es ist ihnen also abhandengekommen.15

Jetzt ergibt sich eine sonderbare Wendung. Denn nach 1945 sind im damaligen Westdeutschland an verschiedenen Orten wichtige Originalhandschriften von Clausewitz aufgetaucht. Darunter befanden sich auch die Frühfassungen von Vom Kriege. Der bekannte Forscher Werner Hahlweg hat übrigens viel von diesem Material herausgegeben.

1954 wird in Regensburg ein kleiner Teil des Archivs zurückgefunden. Es handelt sich hierbei um einige historische Studien, Dienstkorrespondenz, mehrere Briefe und sogar einige Gedichte von Clausewitz. Dieses Material wird jetzt in der Universitätsbibliothek Münster aufbewahrt.16

In demselben Jahr, 1954, überreicht Scherings Witwe der Staatsbibliothek in Berlin mehrere Originalhandschriften. Dabei handelt es sich um äußerst wertvolles Material, denn dies sind frühere Fassungen von Vom Kriege.17 Wie der genaue Verlauf der Dinge zwischen 1945 und 1954 war, ist unklar, aber vermutlich hat Schering der Familie nicht alles zurückgegeben. Das kann sogar im gegenseitigem Einvernehmen geschehen sein, wir wissen es nicht.

Die rätselhaftesten Vorgänge sind mit wieder anderen Handschriften verbunden, darunter die Originalhandschriften der Kapitel 1, 2 und 3 von Buch I von Vom Kriege. Der zuvor bereits kurz erwähnte Werner Hahlweg erwirbt diese 1963 bei dem renommierten Antiquariat/Auktionshaus Stargard in Marnburg. Er bezahlt dafür 9850 DM.18 Aus unbekannten Gründen hat Hahlweg über diese einzigartige Wiederentdeckung nie etwas verlautbart. Nach seinem Tode im Jahre 1989 geht sein umfangreicher Nachlass an die Wehrtechnische Studiensammlung der Bundeswehr in Koblenz. Dort wird er tadellos und akribisch archiviert und aufbewahrt. Vor drei Jahren nannte mir der Clausewitz-Forscher Andreas Herberg-Rothe den Ort, wo der Nachlass von Hahlweg aufbewahrt wird, und dort entdeckte ich dann dieses wichtige Material wieder.19 Manchmal hat ein Forscher eben Glück.

Außer den bereits erwähnten Originalhandschriften der Kapitel 1, 2 und 3 von Buch I befinden sich in Koblenz auch die von einem unbekannten Abschreiber in Reinschrift geschriebenen vollständigen Bücher I und II, die 1832 benutzt wurden, um Vom Kriege herauszugeben. Darüber hinaus erwirbt Hahlweg auch noch das nahezu unbekannte Werk Taktische Rhapsodien von Clausewitz.

Aus diesem kurzen Aufriss der Geschichte des Nachlasses geht hervor, dass das Entstehen von Vom Kriege nie eingehend untersucht worden ist. Die Forscher, die sich mit dieser Frage beschäftigten, hatten keinen Zugang zum Originalmaterial, während die Forscher, die Zugang zu ihm hatten, sich diese Frage nie gestellt haben.

Genau genommen ist es mit Clausewitz´ Nachlass daher eine seltsame Angelegenheit. Anno 2017 verfügen wir nur noch über einen kleinen Teil des ursprünglichen Archivs. Wir wissen nicht, was das Archiv ursprünglich alles enthielt, weil es leider niemals gründlich erschlossen worden ist. Es gibt auch keine offizielle, oder weitgehend akzeptierte Bibliographie von Clausewitz' Werk. Nur von manchen Texten wissen wir genau, wann Clausewitz sie geschrieben hat, aber es gibt keine chronologische Übersicht seiner Werke. Von mehreren wichtigen Texten von Clausewitz wurden Abschriften angefertigt, die auch in Zeitschriften und Büchern veröffentlicht wurden. Aber die Genauigkeit dieser Abschriften ist sehr unterschiedlich, und häufig ergeben sich Fragen in Bezug auf den Inhalt oder die Datierung.

Positiv hervorzuheben ist, dass glücklicherweise doch noch viel Material wiedergefunden wurde. Es ist auch möglich, dass irgendwann noch neues entdeckt wird. Nicht alles befand sich in seinem verschwundenen persönlichen Archiv, und sogar nach dem Zweiten Weltkrieg sind noch Handschriften aus diesem Archiv gefunden worden.

Insgesamt gibt es anno 2017 acht verschiedene Texte oder Manuskripte, die mit der Entstehung von Vom Kriege in Zusammenhang gebracht werden können. Manchmal ist dieser (chronologische) Zusammenhang evident, manchmal muss er durch Textanalyse gefunden werden.

Der Aufbau von Vom Kriege

Bevor wir den Schreib- und Veröffentlichungsprozess von Vom Kriege mehr im einzelnen rekonstruieren können, ist es wichtig, sich den Aufbau dieses Werkes eingehend vor Augen zu führen. Denn die Rekonstruktion wird zeigen, dass die verschiedenen Bestandteile zu verschiedenen Zeitpunkten entstanden sind. Des Weiteren wird bei der Rekonstruktion jedes Mal wieder auf diese Bücher und Kapitel verwiesen werden, sowie auch auf die Notizen und Vorworte, die in Vom Kriege abgedruckt sind.

Wie bereits erwähnt, veröffentlicht Marie von Clausewitz zwischen 1832 und 1837 das zehnteilige Werk Hinterlassene Werke des Generals Carl von Clausewitz über Krieg und Kriegführung. Hiervon sind die ersten drei Teile besser bekannt unter dem Titel Vom Kriege. Teil 1 erscheint im Herbst 1832, etwa ein Jahr nach Clausewitz' Tod. Teil 2 erscheint 1833, und nach einigen Schwierigkeiten wird Teil 3 im Jahre 1834 veröffentlicht. Die drei Teile bestehen aus acht Büchern. Die ersten vier bilden Teil 1, die anderen zwei Teile bestehen aus je zwei Büchern. Siehe auch Schema 1 Der Aufbau von Vom Kriege.

Sowohl für den ersten als für den dritten Teil hat Marie von Clausewitz ein Vorwort geschrieben. Im zweiten Vorwort entschuldigt sie sich beim Leser, dass Teil 3 so lange auf sich hat warten lassen. Marie schreibt, dass der Text der Bücher VII und VIII nur aus Skizzen und Vorarbeiten bestanden habe und das Major O'Etzel ihr geholfen habe, diese zu überarbeiten.20 Bereits diese Bemerkung allein macht deutlich, dass es einen Unterschied zwischen der Niederschrift Clausewitz' und der endgültigen gedruckten Fassung gegeben haben kann und dass Clausewitz selbst mit dem Text noch nicht zufrieden war. Das sieht man beispielsweise deutlich in Buch VIII: Die Kapitel sind nicht miteinander kohärent, und Clausewitz deutet auch auf Kapitel hin, die nicht in Vom Kriege enthalten sind.

Der Aufbau von Vom Kriege

Auch in ihrem ersten Vorwort macht Marie vergleichbare Bemerkungen über Redaktionsprobleme, namentlich bei Buch I. Auch dort seien Textteile umgestellt, aber leider teilt sie nicht mit, was genau verändert wurde.21 Gerade weil dieses erste Buch das für das gesamte Werk Vom Kriege äußerst wichtige erste Kapitel enthält, wird bereits seit 1832 eine Diskussion über diese Mitteilung geführt. Bemerkenswert ist, dass jüngere Entdeckungen ihre Angaben bestätigen. Wie nachstehend noch erörtert wird, sind verschiedene Kapitel tatsächlich umgestellt worden, aber das entsprach Clausewitz' Absicht.

In dem Vorwort schreibt Marie des Weiteren, dass Clausewitz im Jahre 1816 in Koblenz Vom Kriege begonnen habe, dass es drei Fassungen gegeben habe und dass Clausewitz 1827 eine umfangreiche Überarbeitung begonnen hat. Um das alles zu untermauern, hat sie drei Notizen ihres Mannes hinzugefügt, in denen er erklärt, wie weit er mit seinem Werk vorangekommen sei. Diese drei Notizen sind daher von entscheidender Bedeutung für unser Verständnis des Entstehens seines Hauptwerkes. Leider sind zwei der drei Notizen nicht mit einem Datumsvermerk versehen.

In der undatierten ersten Notiz – die Marie mitten in ihr eigenes erstes Vorwort aufnimmt – beschreibt Clausewitz tatsächlich drei aufeinanderfolgende Fassungen von Vom Kriege. Dabei erklärt er hauptsächlich, wie die erste Fassung seines Meisterwerkes ausgesehen haben muss und teilt er mit, wie er danach fortgefahren ist.22

In seiner zweiten Notiz, die auf den 10. Juli 1827 datiert ist, schreibt Clausewitz, dass er mit Vom Kriege nicht zufrieden sei und dass er beabsichtige, das Werk noch einmal ganz umzuschreiben. Hierbei will er von zwei wichtigen Konzepten ausgehen: der doppelten Art des Krieges und der Vorstellung, dass der Krieg nichts ist als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln.23 Weil er diese Notiz wohl mit einem Datumsvermerk versehen hat, wissen wir genau, wann er mit der umfangreichen Überarbeitung begonnen hat.

In der dritten Notiz, die leider nicht datiert ist, steht ein Satz, der möglicherweise den letzten Stand der Dinge wiedergibt. Clausewitz schreibt: "Das erste Kapitel des ersten Buches ist das einzige, was ich als vollendet betrachte; es wird wenigstens dem Ganzen den Dienst erweisen, die Richtung anzugeben, die ich überall halten wollte."24 Das ist natürlich eine äußerst wichtige Mitteilung über den Zustand des Werkes. Wenn Clausewitz selbst schreibt, dass nur das allererste Kapitel abgeschlossen sei, dann muss das maßgeblich sein für all unsere Interpretationen. Alle anderen Textteile müssen dann erst mit diesem Kapitel verglichen werden, bevor wir deren Inhalt deuten dürfen. Weil diese dritte Notiz jedoch nicht datiert ist, steht nicht unumstößlich fest, dass dies Clausewitz´ letzte Auffassung von Vom Kriege ist, und seit 1989 wird hierüber unter den Experten denn auch eine heftige Debatte geführt.25

Eben weil so vieles unklar ist, Clausewitz mehrere Male angibt, dass er mit seinem Werk noch nicht zufrieden sei, und darüber hinaus Teile des Textes während der Veröffentlichung angepasst worden sind, würden wir gern die Originalmanuskripte benutzen können. Es erhebt sich daher die Frage, ob es möglich ist, den Schreib- und Veröffentlichungsprozess von Vom Kriege zu rekonstruieren, sodass deutlich wird, welche Textteile davon die letzten Auffassungen von Clausewitz am besten wiedergeben.

Die Rekonstruktion der Entstehung von Vom Kriege

Im Nachhinein betrachtet hätte die Frage, wie Clausewitz sein Meisterwerk geschrieben hat, natürlich besser untersucht werden können, als sein Archiv noch vollständig war. Ausgehend von den acht Büchern, aus denen die gedruckte Fassung von Vom Kriege besteht, hätte man untersuchen können, welche Handschriften von Clausewitz selbst sind und ob es davon auch ältere Versionen gibt. Auf diese Weise hätte man sich von der Entstehungsgeschichte seines Werkes leicht ein Bild machen können. Gerade weil Clausewitz und seine Frau vieles aufbewahrt haben, hätte dieses Problem damals möglicherweise noch gelöst werden können.

Wie bereits gesagt, haben sich schon mehrere Forscher mit dieser Frage befasst. Aber diese hatten leider keinen Zugang zu dem vollständigen Archiv. Schering hatte ihn, er befasste sich jedoch nicht mit dieser Frage.

Weil Clausewitz' Archiv anno 2017 unvollständig ist, sollten wir in einer Hinsicht bei der Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte von Vom Kriege vorsichtig sein. Wir können nicht ausschließen, dass irgendwann einmal ganz neues Material gefunden wird, das dann wieder ein neues Licht auf diese Sache wirft. Mit diesem einzigen Vorbehalt ist es möglich, ziemlich eingehend die Entstehungsgeschichte zu rekonstruieren. So kompliziert ist das Puzzle meines Erachtens nicht. Indem man die verfügbaren Handschriften mit den Briefen und Notizen von Clausewitz vergleicht, entsteht ein überraschend kohärentes Bild.

Zwei Fragen sind von entscheidender Bedeutung: Wann nimmt Clausewitz die Arbeit an Vom Kriege auf und wie viel unterschiedliche Fassungen hat es eigentlich gegeben?

Nahezu alle Forscher sind der Ansicht, dass er das 1816 in Koblenz getan habe. Schering nimmt allerdings an – wie schon zuvor erwähnt –, dass Clausewitz zwischen 1809 und 1813 begonnen habe. Leider untermauert er seine abweichende Ansicht nicht. Gerade weil Marie und Carl selbst beide auf die Koblenzer Zeit hinweisen, müssen wir von 1816 ausgehen.

Über die zweite Frage sind sich die Experten zum Glück einig. Sie gehen alle davon aus, dass es drei aufeinanderfolgende Fassungen von Vom Kriege gegeben habe, dass Clausewitz anschließend im Jahre 1827 eine gründliche Überarbeitung des Textes begonnen habe und dass seine Frau das Werk schließlich mit einigen Abänderungen veröffentlicht habe.26 Das bedeutet, dass es insgesamt fünf Schritte gegeben hat. Bemerkenswert ist, dass wir aus jedem dieser fünf Stadien auch Originalmaterial haben. Wir haben leider nicht alles, aber es reicht, um jedes Stadium nachzuweisen.

Die erste Fassung von Vom Kriege

Wie bekannt, leben die Eheleute nach dem endgültigen Sieg über Napoleon Bonaparte im Jahre 1815 gut zwei Jahre in Koblenz, bevor sie nach Berlin ziehen. Für kurze Zeit ist Graf von Gneisenau der Kommandeur der preußischen Truppen am Rhein, und Clausewitz wird sein Chef des Stabes. Nach Ansicht von Marie von Clausewitz waren das zwei sehr glückliche Jahre für das Ehepaar.

Neben seiner anspruchsvollen Arbeit und den vielen sozialen Verpflichtungen findet Clausewitz Zeit, um ein Buch zu schreiben. Dieser Sachverhalt ergibt sich aus mehreren Briefen aus diesen Jahren und wird in dem Vorwort seiner Frau zu Vom Kriege bestätigt. Selbst erwähnt Clausewitz in einem kurzen Brief an seinen guten Freund, Graf Carl von der Gröben, zum ersten Mal, dass er an einem Buch arbeitet; dieser Brief wurde vermutlich am 17. Mai 1816 aus Koblenz versandt. Nach ein paar einführenden Bemerkungen schreibt er Folgendes:

"Was die Arbeit betrifft, von welcher Graf Gneisenau gesprochen, so kennen Sie die erste Probe davon schon. Ich habe im verflossenen Winter in dieser Manier den größten Theil der Strategie bearbeitet, allein das Manuskript eignet sich gar nicht zu einer Mitteilung, da es lauter rohe Werkstücke sind, die noch vielfältig bearbeitet, auch zum Theil vielleicht ganz verworfen werden müssen. Dazu ist es ganz unleserlich geschrieben, auch bei weiten nicht vollendet. Ob ich es je an das Tageslicht treten lassen werde, bin ich noch gar nicht mit mir einig, denn ich muß mir zum Ruhme nachsagen, daß etwas gewöhnliches mich nicht befriedigt und daß ich einen wahren Widerwillen habe, die Zahl mittelmäßiger und deswegen unnützer Bücher zu vermehren. Ich verspreche Ihnen aber, wenn ich weiter vorgeschritten seyn und einen guten Abschreiber gefunden haben werde, Ihnen das ganze zur Beurteilung mitzuteilen. Übrigens bitte ich nicht davon zu sprechen, weil ich meine Sachen gern still für mich und ohne Aufsehen treibe."27

In diesem kurzen Brief erkennen wir Clausewitz sofort. Er ist mit seinem eigenen Werk nicht schnell zufrieden und will in aller Ruhe daran weiterarbeiten. Ob sein Buch jemals veröffentlicht wird, lässt er bewusst dahingestellt sein. Diese Haltung wird sich in den vierzehn Jahren, während derer er an seinem Meisterwerk arbeitet, nicht ändern. Des Weiteren können wir aus diesem Brief schließen, dass die erste Fassung von der Strategie handeln sollte und dass sie bei weitem nicht den Umfang der Endfassung von Vom Kriege hatte.

Außer diesem Brief gibt es noch zwei Briefe aus dieser Zeit, in denen Clausewitz seine Studie erwähnt.28 Und das beweist, dass er in dieser Stadt mit seiner ersten Fassung beginnt, wie Marie auch in ihrem Vorwort behauptet. In diesem Punkt kann es daher keine Missverständnisse mehr geben, und Schering hätte sehr starke Argumente hervorbringen müssen, um Clausewitz schon viel früher beginnen zu lassen.

Die Briefe und auch die Notizen von Clausewitz in Vom Kriege enthalten noch mehr wichtige Informationen in Bezug auf die erste Fassung. Es zeigt sich, dass diese eine auffällige literarische Form aufweist. Ich führe – untereinander – zwei Zitate an. Das erste stammt aus einem Brief, den Clausewitz am 4. März 1817 aus Koblenz an Gneisenau geschickt hat, zusammen mit einer kurzen theoretischen Verhandlung. Übrigens hat Clausewitz auf Bitten Gneisenaus danach noch öfter Manuskripte an ihn gesandt, und auf diese Weise sind sie zum Glück erhalten geblieben. Das zweite Zitat stammt aus der ersten Notiz von Clausewitz in Vom Kriege.

"Ich nehme, wenn mir, wie hier, eine Auseinandersetzung zu weitschweifig geworden ist nur das Resultat in gedrängter Kürze in mein kleines Werk auf und werfe die Vorarbeit wie abgefallene Hobelspäne ins Feuer."29

"Meine Absicht war anfangs, ohne Rücksicht auf System und strengen Zusammenhang über die wichtigsten Punkte dieses Gegenstandes dasjenige in ganz kurzen, präzisen, gedrungenen Sätzen niederzuschreiben, was ich darüber mit mir selbst ausgemacht hatte. Die Art, wie Montesquieu seinen Gegenstand behandelt hat, schwebte mir dabei dunkel vor."30

Die zwei Zitate zeigen, dass die erste Fassung eine spezielle literarische Form hatte ("in ganz kurzen, präzisen, gedrungenen Sätzen") und dass Clausewitz manchmal erst einen längeren Text abfasste, von dem er das Wesentliche dann in sein Buch aufnahm. Der Verweis auf den französischen Philosophen Montesquieu liegt natürlich auch auf dieser Linie. Es ist bekannt, dass Clausewitz als Jugendlicher dessen Werk gelesen hat, es befremdet daher nicht, dass er durch die literarische Form inspiriert wurde. Charles de Montesquieu hat in seinem klassischen Werk l'Esprit des Lois die Kapitel aus nummerierten Abschnitten kompakten Textes aufgebaut.

Natürlich erinnert diese auffällige literarische Form an die bereits kurz genannten Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung. Dieser Text besteht aus 177 einzelnen, nummerierten Aphorismen, die zwischen 1833 und 1835 mit mehreren zugleich in den aufeinanderfolgenden Nummern der militärischen Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges veröffentlicht wurden.31 Das fällt – es sei nochmals darauf hingewiesen – mit der ersten Herausgabe von Vom Kriege durch Marie von Clausewitz zusammen. Die Originalhandschrift haben wir leider nicht, wir haben nur die gedruckte Fassung. Nach der Veröffentlichung ist dieser Text bereits sehr schnell in Vergessenheit geraten.

Der vollständige Text von Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung zählt insgesamt etwa 8.750 Wörter, das entspricht dem Umfang eines langen Artikels. Sehr wichtig ist, dass der Text große Ähnlichkeiten mit dem Text der ersten vier Bücher von Vom Kriege aufweist. Es gibt aber keine Übereinstimmung mit den Büchern V bis VIII, und auch zu mehreren Kapiteln und wichtigen Abschnitten der ersten vier Bücher gibt es keinen entsprechenden Aphorismus. Sechs von den 177 Aphorismen sind buchstäblich in Vom Kriege enthalten, und 56 Aphorismen sind in einer abgeänderten Form in Vom Kriege enthalten. In nicht weniger als 76 Fällen weist der Text große Unterschiede auf, ist jedoch immer noch erkennbar. 13 Aphorismen sind nicht in Vom Kriege wiederzufinden. In acht Fällen wird ein anderer Ausdruck verwendet, und in drei Fällen ein ganz anderes Beispiel. In mindestens 11 Fällen ist der Text von Vom Kriege eine deutliche Weiterentwicklung des entsprechenden Aphorismus.32

Als Beispiel der sechs Aphorismen, die buchstäblich in Vom Kriege übernommen worden sind, ist Nummer 149 zu nennen: "Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit, alles übrige sind nur die Träger derselben." 33

Noch interessanter ist natürlich die Reihe von mindestens elf Beispielen, von denen der Text von Vom Kriege eine deutliche Weiterentwicklung des entsprechenden Aphorismus darstellt. Aphorismus Nr. 22 handelt von der "wunderlichen Dreifaltigkeit", einer der bekanntesten Konzeptionen von Clausewitz. Wenn wir jedoch den vollständigen Text dieses Aphorismus dem vollständigen Text von Vom Kriege gegenüberstellen, sehen wir, dass der Text in Vom Kriege drei Erweiterungen aufweist: ein wahres Chamäleon, eine wunderliche Dreifaltigkeit sowie die Trias Volk, Feldherrn und Regierung.

Es ist undenkbar, dass Clausewitz – oder zur Not auch jemand anders – diese drei auffälligen Vorstellungen ausgelassen hätte, wenn er Aphorismus 22 zu einem späteren Zeitpunkt aus Vom Kriege entnommen hätte. Es ist hingegen sehr gut denkbar, dass Clausewitz um 1817 Aphorismus Nr. 22 niederschreibt, um zehn Jahre später diese entscheidenden Elemente hinzuzufügen.

Es gibt also sehr starke Hinweise dafür, dass Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung die erste Fassung gewesen ist. Und wie wir im weiteren Verlauf der Rekonstruktion noch sehen werden, erklärt diese Annahme vieles und löst sie viele Fragen.

Aphorism  no. 22

Aus dem Vorstehenden erhält man folgendes Resultat für die Theorie. Der Krieg verändert in der Wirklichkeit oft seine Natur, und wird hinsichtlich seiner Gesamterscheinungen aus folgenden drei Tendenzen zusammengesetzt: 1) aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elements, dem Hasse und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind; 2) aus dem Spiele der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien Seelentätigkeit machen; 3) aus der untergeordneten Natur eines politischen Werkzeugs, wodurch er dem bloßen Verstande anheimfällt. – Die Leidenschaften, welche im Kriege entbrennen sollen, müssen daher schon in den Völkern vorhanden sein; der Umfang, welchen das Spiel des Muthes und Talents im Reiche der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls bekommen wird, hängt von der Eigentümlichkeit des Feldherrn und des Heeres ab; die politischen Zwecke aber gehören der Regierung allein an.

§28. Resultat für die Theorie

Der Krieg ist also nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen Gesamterscheinungen nach, in Beziehung auf die in ihm herrschenden Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Haß und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines politischen Werkzeuges, wodurch er dem bloßen Verstande anheimfällt.

Die erste dieser drei Seiten ist mehr dem Volke, die zweite mehr dem Feldherrn und seinem Heer, die dritte mehr der Regierung zugewendet. Die Leidenschaften, welche im Kriege entbrennen sollen, müssen schon in den Völkern vorhanden sein; der Umfang, welchen das Spiel des Mutes und Talents im Reiche der Wahrscheinlichkeiten des Zufalls bekommen wird, hängt von der Eigentümlichkeit des Feldherrn und des Heeres ab, die politischen Zwecke aber gehören der Regierung allein an.

(Vom Kriege, Buch I, Kapitel 1)

Die zweite Fassung

Höchstwahrscheinlich hat Clausewitz das Manuskript von Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung Ende 1818 sorgfältig in eine Mappe gelegt und ist nach Berlin gezogen, um dort Direktor der Allgemeinen Kriegsschule zu werden. Er muss zu Anfang viel Gefallen an diesem Posten gehabt haben. Am 21. März 1819 schickte er seinen Chefs einen ausführlichen Bericht über den Unterricht an der Kriegsschule mit dem Titel: Denkschrift über die Reform der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin.34Aus dem Bericht geht hervor, dass Clausewitz in den ersten Monaten eine große Anzahl von Vorträgen an der Kriegsschule gehört hat. Er steht sowohl dem Lehrplan als auch verschiedenen Dozenten sehr kritisch gegenüber. Natürlich hat er auch verschiedene Verbesserungsvorschläge. Aber, wie bekannt, ein Direktor durfte sich damals nicht mit dem Inhalt des Unterrichts befassen, und der Bericht verschwand in der Schublade.

Trotzdem vermute ich, dass diese Untersuchung des Lehrplans Clausewitz selbst beim Schreiben von Vom Kriege Antrieb gegeben hat, namentlich bei der zweiten Fassung. In seiner ersten Notiz äußert er sich wie folgt dazu:

"Allein meine Natur, die mich immer zum Entwickeln und Systematisieren treibt, hat sich am Ende auch hier wieder hervorgearbeitet. Eine Zeitlang vermochte ich es über mich, aus den Abhandlungen, welche ich für einzelne Gegenstände schrieb, weil sie mir dadurch selbst erst recht klar und sicher werden sollten, nur die wichtigsten Resultate herauszuheben und also den Geist in ein kleineres Volumen zu konzentrieren;…."35

Auch hier sagt Clausewitz, er habe "die wichtigsten Resultate" aus anderen "Abhandlungen" in sein eigenes Werk, ein Buch von geringem Umfang, übernommen. Des Weiteren ist auffällig, dass er diese zweite Fassung durchaus systematisch aufgebaut hat. Es kann sich hier also nicht mehr um Aphorismen handeln.

Nun gibt es einen von ihm verfassten Text, der der Überrest dieser zweiten Fassung sein könnte. Ich meine den Text, von dem Schering behauptet, er sei die erste Fassung, wofür er jedoch keine Argumente vorgebracht hat. Schering hat die Handschrift damals im Archiv gefunden, und Hahlweg hat eine Abschrift davon veröffentlicht. Weil Clausewitz der originalen Handschrift keinen Titel gegeben hatte, nennt Hahlweg den Text: Entwürfe und Vorarbeiten zum Werk "Vom Kriege."36

Das ursprüngliche Werk wird in Berlin aufbewahrt. Weil es aus zwei Einführungen und mehreren unverbundenen Kapiteln besteht, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um zwei Versuche von Clausewitz handelt, ein Buch zu schreiben. Es stellt also die Überreste dieser Versuche dar. Das Interessante ist nun, dass alle diese Kapitel von der Kriegskunst handeln, nicht von der Strategie. Kriegskunst ist das zentrale Thema, ein Thema, das in Vom Kriege erst im zweiten Buch behandelt wird, und das natürlich auch mit dem Lehrplan der Kriegsschule in Beziehung steht. 

Dieser Text kann daher auch aus inhaltlichen Gründen niemals die erste Fassung sein, denn er besteht aus in sich geschlossenen Kapiteln über Kriegskunst, während Clausewitz selbst gesagt hat, die erste Fassung solle wie bei Montesquieu aus einzelnen kleinen Textstücken bestehen, die von Strategie handeln. 

Meine These ist nun, dass Entwürfe und Vorarbeiten zum Werk "Vom Kriege" nicht die erste, sondern die zweite Fassung gewesen ist. Clausewitz schrieb diese Fassung als Direktor der Allgemeinen Kriegsschule, nachdem er seinen Bericht über den Lehrplan abgefasst hatte. Kriegskunst ist das zentrale Thema. Er setzt sich inhaltlich mit dieser Materie auseinander und schreibt und überarbeitet mehrere Kapitel. Einige davon nimmt er in die dritte Fassung auf, die übrigen bewahrt er in seinem Archiv auf.

Die dritte Fassung

Es ist wenig bekannt über die Gründe, weshalb und dem Zeitpunkt, zu dem Clausewitz beschließt, mit der endgültigen, dritten Fassung von Vom Kriege zu beginnen. In Anbetracht des Umfangs dieses Werkes, der acht Bücher, muss dies zu Beginn der zwanziger Jahre stattgefunden haben.

Zum Glück wurden verschiedene Handschriften wiedergefunden, die zu der dritten Fassung gehören. Zwei davon bestätigen meine These, dass die erste und die zweite Fassung den Ausgangspunkt beim Schreiben der ersten vier Bücher von Vom Kriege gebildet haben müssen. Diese zwei Handschriften werden jetzt in Berlin aufbewahrt. Auch davon hat Hahlweg Abschriften veröffentlicht.37

Aus inhaltlicher Sicht sind das frühere Fassungen von Buch I und Buch II, denn die Kapitel entsprechen zum Teil der endgültigen, 1833 herausgegebenen Fassung, zum Teil aber auch nicht. Im Folgenden wird dargestellt, wie Clausewitz diese Kapitel abgeändert hat. Wichtig ist jetzt die Feststellung, dass in dieser Fassung von Buch I viele Aphorismen wiederzufinden sind und dass Buch II ausschließlich von Kriegskunst handelt, ohne jeglichen Zusammenhang mit den Aphorismen.

Eine zweite auffällige Besonderheit der Handschriften ist, dass sie von Clausewitz selbst auf Papier besserer Qualität ins Reine geschrieben worden sind. Es ist klar, dass dies keine Konzeptfassungen voller Streichungen und Verbesserungen im Text sind. Im Gegenteil, sie sind Wort für Wort sauber geschrieben, als hätte Clausewitz beabsichtigt, sie zu veröffentlichen.38Und das gibt uns die Möglichkeit einer eindeutigen Datierung. Denn in seiner zweiten Notiz, die auf den Juli 1827 datiert ist, steht direkt am Anfang ein kurzer Zwischensatz, den viele Forscher übersehen haben: "Ich betrachte die ersten sechs Bücher, welche sich schon ins Reine geschrieben finden, nur als eine noch ziemlich unförmliche Masse, die durchaus noch einmal umgearbeitet werden soll."39

Das ist natürlich nicht irgendeine Bemerkung von Clausewitz. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, wie viel Arbeit es gekostet haben muss, all diese sechs Bücher, Buchstabe für Buchstabe, ins Reine zu schreiben. Das kann er nur getan haben, wenn er mit dem Inhalt des Textes wirklich zufrieden war. Wir können daher annehmen, dass am 10. Juli 1827 sechs von den acht Büchern fertig zur Veröffentlichung waren. Gleichzeitig wissen wir, dass es mit Clausewitz' Gesundheit Ende 1826 und Juni 1827 schlecht beschaffen war und dass die Besserung nur langsam Fortschritte machte.40 Von diesem Zeitpunkt aus zurückrechnend, können wir schließen, dass die sechs Bücher um 1825 ins Reine geschrieben worden sind.

Die Entstehungsgeschichte von Vom Kriege

In Schema 2 Die Entstehungsgeschichte von Vom Kriege sind die drei Fassungen angegeben. 1825 waren acht Bücher vollendet, von denen sechs bereits ins Reine geschrieben worden waren. Jetzt können wir auch den inhaltlichen Zusammenhang zwischen Fassung eins, Fassung zwei und der früheren Fassung von Vom Kriege deutlich machen. Die Bücher I, III und IV basieren auf Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung. Ferner übernimmt Clausewitz verschiedene Kapitel seiner zweiten Fassung, in abgeänderter Form oder nicht, in Buch II.

Die Überarbeitung

Nachdem Clausewitz also geraume Zeit krank gewesen ist, nimmt er im Sommer von 1827 die Arbeit an seiner Studie wieder auf. Inzwischen hat er von dem bestehenden Text natürlich Distanz gewinnen können, und nachdem er ihn von Neuem gelesen hat, ist er sehr unzufrieden. In der Notiz vom 10. Juli gibt er deutlich zu verstehen, dass er alle acht Bücher umschreiben will und dass dabei zwei wichtige Konzepte maßgeblich sein werden:

"Ich betrachte die ersten sechs Bücher, welche sich schon ins Reine geschrieben finden, nur als eine noch ziemlich unförmliche Masse, die durchaus noch einmal umgearbeitet werden soll. Bei dieser Umarbeitung wird die doppelte Art des Krieges überall schärfer im Auge behalten werden, und dadurch werden alle Ideen einen schärferen Sinn, eine bestimmte Richtung, eine nähere Anwendung bekommen. […] Außer diesem faktisch bestehenden Unterschied in den Kriegen muß noch der ebenfalls praktisch notwendige Gesichtspunkt ausdrücklich und genau festgestellt werden, daß der Krieg nichts ist als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln."41

Jahrelang haben Forscher über die Frage diskutiert, woher diese beiden berühmten Konzepte (die doppelte Art des Krieges und dass der Krieg nichts sei als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln) doch stammen. Die Antwort ist meines Erachtens sehr einfach. Diese beiden Konzepte finden sich fast buchstäblich in Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung vor. In den Aphorismen 1 und 2 steht nahezu buchstäblich das gleiche als in Clausewitz' zweiter Notiz. Daraus können wir folgern, dass er im Juli 1827 auf diese frühere Studie zurückgreift.42

Dass Clausewitz bei der Überarbeitung tatsächlich auf Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung zurückgreift, wird in zwei anderen Handschriften bestätigt, von denen sich eine in Koblenz und die andere in Berlin befindet. Das sind die Konzeptfassungen der neuen Kapitel von Buch I bzw. Buch II.43 Diese Handschriften bilden den Nachweis, dass Clausewitz zwischen 1827 und 1830 mehrere Kapitel für diese zwei Bücher umschreibt und dass er dabei die übrigen Aphorismen als Ausgangspunkt benutzt.44 Dadurch weist die endgültige Druckfassung der Bücher I und II größere Ähnlichkeiten mit Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung auf als die Zwischenfassung von 1825. Das mag Erstaunen hervorrufen, aber wir können ohne weiteres feststellen, dass Clausewitz bei der Überarbeitung auf seine erste Fassung zurückgreift.45

Die Konzeptfassungen von neuen Kapiteln für Buch I und II sind nicht mehr von Clausewitz selbst ins Reine geschrieben worden. Das geschah nach seinem Tode unter der Anleitung seiner Frau.

Die Druckfassung von 1832 – 1834

Wie bereits gezeigt wurde, begegnete Marie von Clausewitz verschiedenen Redaktionsproblemen, als sie das Werk ihres Mannes nach dessen Tode herausgeben wollte. Selbst weist sie auf Buch I und die Bücher VII und VIII hin. Und gerade sahen wir, dass Clausewitz auch Buch II überarbeitet hat.

Dieser Hergang bei den Büchern I und II wird durch zwei Manuskripte bestätigt, die auch in Koblenz aufbewahrt werden. Das sind zwei ins Reine geschriebene Fassungen, die mit der Druckfassung identisch sind. Diese sind beide von einem unbekannten Schreiber abgeschrieben worden, wobei natürlich von dem ursprünglichen Material von Clausewitz selbst Gebrauch gemacht wurde.

In unserem Schema sind diese zwei Bücher oben rechts angegeben. Und jetzt können wir genau sehen, wie die Überarbeitung vor sich gegangen ist. Clausewitz schreibt mehrere Kapitel für die Bücher I und II um. Seine Frau veranlasst anschließend, dass diese Bücher ins Reine geschrieben werden. Von den meisten der neuen Kapitel haben wir die Konzeptfassungen. In allen neuen Kapiteln sind Textfragmente der Aphorismen wiederzufinden, woraus wiederum hervorgeht, dass die Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung eine wichtige Inspirationsquelle bei der Überarbeitung gewesen sind.

Die Überarbeitung der Bücher I und II kann jetzt im Detail rekonstruiert werden. Buch I erhält drei neue Kapitel (1, 2 und 3), und das Kapitel Friktion im Kriege wird vom 2. Platz in der alten Fassung an den 7. Platz in der neuen verschoben. In Buch II streicht Clausewitz nicht weniger als elf Kapitel, nur das Kapitel Kriegskunst oder Kriegswissenschaft übernimmt er in seine endgültige Fassung.46

Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass auch das Entstehen von Clausewitz´ berühmtem ersten Kapitel jetzt sehr genau rekonstruiert werden kann. Zum Schreiben dieses Kapitels benutzt er einige Textteile und lose Bemerkungen aus der alten Fassung dieses Kapitels, überarbeitet er 17 Aphorismen und übernimmt dazu noch einen nahezu buchstäblich und verfasst er mehrere neue Abschnitte.47 Selbstverständlich werden diese Rekonstruktionen für unsere Interpretation von Vom Kriege große Folgen haben.

Weil es keine Handschriften gibt, die auf eine Überarbeitung der Bücher III bis VI hindeuten und Marie sich dazu auch nicht geäußert hat, dürfen wir annehmen, dass der Herausgeber Dümmler die von Clausewitz selbst geschriebene Fassung von 1825 benutzt hat. Diese vier Bücher sind daher verhältnismäßig alt, die Bücher I und II sind zum Teil umgearbeitet und daher jünger. Über die Bücher VII und VIII lässt sich aus Mangel an Material nichts mit Gewissheit sagen. 1825 waren das Konzeptfassungen und 1830 waren es immer noch Konzeptfassungen. Vermutlich hat Clausewitz durchaus an Buch VIII gearbeitet, aber das muss noch eingehender untersucht werden.

Da wir jetzt ziemlich genau erkennen können, was Clausewitz nach 1827 tatsächlich überarbeitet hat, können wir auch über den Ort der Dritten Notiz Aufschluss geben – eine Frage, die die Experten seit Jahren beschäftigt. Höchstwahrscheinlich hat Clausewitz als Erstes Buch II überarbeitet und die alten und neuen Kapitel sorgfältig zusammengefügt. Deshalb teilt Marie darüber auch nichts mit; der Text musste nur noch ins Reine geschrieben werden. Vielleicht hat er noch an Buch VIII gearbeitet, aber auf jeden Fall hat er als Letztes die drei neuen Kapitel für Buch I geschrieben. Und dann verwundert es nicht, dass Clausewitz eigentlich nur mit dem allerletzten Kapitel Was ist der Krieg? zufrieden ist.48

Schlussfolgerungen

Erstens zeigt es sich, dass es möglich ist, die Entstehung von Vom Kriege aus den erhaltenen Handschriften, Briefen und Notizen ziemlich genau zu rekonstruieren. Es entsteht ein kohärentes Bild, in dem nur ein paar Elemente fehlen. Es hat sich herausgestellt, dass wir über Material sämtlicher fünf Schritte verfügen, aus dem der Schreib- und Veröffentlichungsprozess bestand. Durch die Rekonstruktion wird es möglich, die wichtigsten theoretischen Schritte, die Clausewitz gemacht hat, nachzuvollziehen. Die Entstehung von Vom Kriege im konzeptionellen Sinne kann jetzt viel besser untersucht werden, weil wir jetzt wissen, welches die letzten Textteile sind, die Clausewitz verfasst hat, und die Entwicklung vieler seiner Konzepte genau verfolgen können.

Zweitens können wir feststellen, dass Vom Kriege nicht nach einem vorgefassten Plan entstanden ist. Clausewitz hat niemals mit einem Verleger Vereinbarungen über die Herausgabe dieses Werkes getroffen und auch haben seine Chefs niemals auf dessen Vollendung gedrängt. Nur wenige Leute wussten, womit er sich beschäftigte. Er beginnt in seiner Freizeit in Koblenz ein Buch mit Aphorismen zur Strategie. Als er mit seiner Untersuchung des Lehrplans der Kriegsschule kein Gehör findet, beginnt er ein zweites Buch, das die Kriegskunst zum Thema hat. Beide Werke benutzt er bei der Konzeption der endgültigen dritten Fassung. Nach einer langen Zeit des Krankseins beschließt er 1827 Vom Kriege umzuschreiben, aber 1830 ist er noch immer nicht damit zufrieden. Es sind also die Verhältnisse gewesen, die es ihm ermöglichten, schrittweise an seiner wissenschaftlichen Studie zu arbeiten, und das führte zu seinen zehnteiligen Hinterlassenen Werken. Selbst wäre ihm eine Führungsposition bei einem Einsatzverband lieber gewesen. Aber das war ihm nicht gegeben, und dadurch hat er sich schließlich fast 14 Jahre lang dem Denken und Schreiben widmen können. Dahinter steckte kein Plan.

Drittens fällt auch auf, dass die persönlichen Kriegserfahrungen eine sehr wichtige Inspirationsquelle für Clausewitz gewesen sind. Er begann unmittelbar nach dem Kriege mit dem Schreiben. Noch wichtiger ist die Feststellung, dass die Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung nicht nur die erste Fassung von Vom Kriege sind; dieser Text findet sich auch in der dritten Fassung wieder und spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Überarbeitung. Also auch um seine theoretischen Erkenntnisse zu prüfen, greift Clausewitz immer wieder auf seine eigenen Kriegserfahrungen zurück. Er erweist sich damit als ein wahrer militärischer Denker – wobei "militärisch" zu betonen ist. Die militärische Praxis ist in seiner Theorie entscheidend.

Zum Abschluss

Was bedeutet dies nun für unsere Interpretationen von Vom Kriege? Die Rekonstruktion ermöglicht es erstmals seit 1832, Clausewitz´ Gedankengang zwischen 1816 und 1830 besser verfolgen zu können. Eben weil viele seiner wichtigen Konzeptionen und Ideen bereits in einem oder mehreren der 177 Aphorismen enthalten sind, lässt sich ziemlich genau rekonstruieren, wie sich diese während dieser 14 Jahre weiterentwickelt haben, zumal da es oft noch Zwischenfassungen gibt. Auf jeden Fall wird klar, dass Clausewitz von der militärischen Praxis aus arbeitet, aus der er Schritt für Schritt seine Konzepte ableitet und anschließend weiter systematisiert. Sein berühmtes erstes Kapitel ist davon der Schlussstein: Hierin hat er laut eigener Aussage seine Ideen am besten dargestellt. Die Rekonstruktion zeigt dabei auch, dass Clausewitz 1827 nicht zu gravierend neuen Erkenntnissen gelangt, wie verschiedene Experten denken. Er kehrt im buchstäblichen und übertragenen Sinne zu seinen Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung zurück und beschließt, die Konzepte, mit denen er sich darin bereits auseinandersetzt, in verstärktem Maße in Vom Kriege aufzunehmen. Und gerade weil er dabei seine interessante Vorstellung von der Rolle des Krieges innerhalb der Politik in das einzige Kapitel aufnimmt, mit dem er 1830 zufrieden ist, dürfen wir folgern, dass die Idee, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, in der Tat das Endergebnis eines vierzehnjährigen Denkprozesses ist.

 

Anmerkungen

1. Dieser Artikel ist eine Überarbeitung des Vortrags, den der Verfasser am 22. Februar 2017 in Mannheim vor der Clausewitz-Gesellschaft Regionalkreis Südwest gehalten hat.

2. Eine hervorragende Darstellung der gegenwärtigen Diskussion über den Schreibprozess siehe: Hew Strachan, Clausewitz's On War, A Biography (New York: Atlantic Monthy Press, 2007), Chapter 2: The Writing of On War.

3. Siehe auch: Christopher Bassford, Clausewitz's Categories of War and the Supersession of 'Absolute War'. Version 13 Jan 2017, http://www.clausewitz.com/mobile/Bassford-Supersession5.pdf.

4. Ulrich Marwedel, Carl von Clausewitz, Persönlichkeit und Wirkungsgeschichte seines Werkes bis 1918 (Boppard am Rhein: Haard Bold Verlag, 1978), S. 259.

5. Carl von Clausewitz, Über das Leben und den Charakter von Scharnhorst. Werner Hahlweg (Hrgs.) Carl von Clausewitz, Verstreute kleine Schriften (Osnabrück, Biblo Verlag, 1979), S. 199 – 249

6. Vanya Eftimova Bellinger, Marie von Clausewitz, The Woman behind the Making of On War (New York: Oxford University Press, 2016), S. 231.

7. Carl von Clausewitz, Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung, Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges, achtundzwanzigster Band, viertes Heft, 1833 bis einschließlich fünfunddreißigster Band, siebentes Heft, 1835.

8. Siehe auch mein: Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung as the first version of Clausewitz's masterpiece, A textual comparison with Vom Kriege, (Breda: Research Paper 108, Faculty Military Science, Netherlands Defence Academy, May 2016).

9. Hans Rothfels, Carl von Clausewitz, Politik und Krieg, Eine ideengeschichtliche Studie. (Berlin, Dümmler, 1920), S. 230 – 232.

10. Herbert Rosinski, Die Entwicklung von Clausewitz' Werk 'Vom Kriege' im Licht seiner 'Vorreden' und 'Nachrichten'. In: Historische Zeitschrift, Bd. 151, 1935, S. 278 – 293, und Eberhard Kessel, Zur Entstehungsgeschichte von Clausewitz' Werk "Vom Kriege". In: Historische Zeitschrift Bd. 152, 1935, S 97 – 100.

11. Walther Malmsten Schering, Carl von Clausewitz, Geist und Tat, Das Vermächtnis des Soldaten und Denkers (Stuttgart, Alfred Kröner Verlag, 1941), S. 51 – 60.

12. Werner Hahlweg, Carl von Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2. (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1990), S. 23 – 31.

13. Schriftexpertise 11. Mai 1943. Wehrtechnische Studiensammlung BWB, Nachlass Hahlweg, NLH – A0031.

14. Christian von Gyldendfeld, Von Alfred Vierkandt zu Carl v. Clausewitz, Walther Malmsten Schering und die Quellen gemeinschaftlichen Handelns in Frieden und Krieg. (Münster, Lit Verlag, 2002), S. 17, Fn. 34.

15. Mitteilung von Vanya Eftimova Bellinger an den Verfasser.

16. Hahlweg, Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2., S. 1178 – 1195.

17. A. a. O., S. 22 – 102, 630 – 717 und 1195 – 1196.

18. Auktionsrechnung 29 Mai 1963. Wehrtechnische Studiensammlung BWB, Nachlass Hahlweg, NLH – A0029.

19. Andreas Herberg-Rothe ist der Verfasser von Das Rätsel Clausewitz, Politische Theorie des Krieges im Widerstreit (München, Wilhelm Fink Verlag, 2001), und Mitherausgeber von Clausewitz in the Twenty-First Century (Oxford: Oxford University Press, 2007) und Clausewitz, The State and War (Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2011).

20. Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Werner Hahlweg (Hrsg.) 19. Auflage (Bonn, Ferd. Dümmlers Verlag, 1980 und 1990), S. 865 – 866.

21. Clausewitz, Vom Kriege., S. 173 – 178.

22. A. a. O., S. 175 – 176.

23. A. a. O., S. 179 – 181.

24. A. a. O., S. 181 – 183.

25. Siehe auch mein: The Genesis of Clausewitz's On War Reconsidered, British Journal for Military History, Volume 2, Issue 3, July 2016.

26. Manche Forscher sind mitunter geneigt, die dritte Fassung und die Überarbeitung als eins zu betrachten.

27. Brief enthalten in: Eberhard Kessel, Zur Genesis der Modernen Kriegslehre: Die Entstehungsgeschichte von Clausewitz' Buch "Vom Kriege". Wehrwissenschaftliche Rundschau, Zeitschrift für die Europäische Sicherheit. 3. Jahrgang, 1953, Heft 9, S. 420 – 421.

28. Clausewitz an Gneisenau, 14. November 1816 und 4. März 1817. Hahlweg, Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2., S. 234 – 237 und S. 243 – 248.

29. Brief samt Anlage enthalten in: Hahlweg, Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2. S. 243 –255.

30. Clausewitz, Vom Kriege. S. 175 – 176.

31. Siehe Anmerkung 7.

32. Siehe mein Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung as the first version of Clausewitz's masterpiece.

33. Ebenda.

34. Hahlweg, Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2. S. 1151 – 1163.

35. Clausewitz, Vom Kriege. S. 175 – 176.

36. Hahlweg, Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2. S. 22 – 102.

37. A. a. O., S. 630 – 717.

38. Zu einem späteren Zeitpunkt hat Clausewitz diese Manuskripte doch mit Notizen versehen. Siehe auch mein: The Genesis of Clausewitz's On War Reconsidered. S. 112 – 113.

39. Clausewitz, Von Kriege. S. 179 – 181.

40. Zwischen 5. Dez. 1826 und 19. Juni 1827 schrieb Clausewitz keine Briefe an Gneisenau. In dem Brief vom 19. Juni spricht er von Lähmung ("ich bin noch lahm"). Hahlweg, Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2., S. 516 – 521.

41. Clausewitz, Vom Kriege. S. 179 – 181.

42. Donker, Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung as the first version of Clausewitz's masterpiece. S. 39 – 41.

43. In Koblenz befinden sich, leider nicht ganz komplett, die Konzeptfassungen der Kapitel 1, 2 und 3 für Buch I. In Berlin befinden sich die Konzeptfassungen der Kapitel 1, 2 und 6 für Buch II. Letztere wurden bereits von Hahlweg in seinem Clausewitz, Schriften – Aufsätze – Studien – Briefe, Band 2., S. 680 – 717 veröffentlicht.

44. Für Buch I die Kapitel 1, 2 und 3, und für Buch II die Kapitel 1, 2, 4, 5 und 6.

45. Donker, Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung as the first version of Clausewitz's masterpiece. S. 37 – 39.

46. Eine umfangreiche Erläuterung enthält mein: Aphorismen über den Krieg und die Kriegführung as the first version of Clausewitz's masterpiece. S. 17 – 18.

47. A. a. O., S. 41 – 44.

48. Siehe auch mein: The Genesis of Clausewitz's On War Reconsidered. S. 115.

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